IV.16. Der Polycarpus des Kardinals Gregor von S.
Grisogono und die
Sammlung in drei Büchern
Mit dem ca. 1106/7-1113
entstandenen Polycarpus des Kardinalpriesters Gregorius von S.
Grisogono haben
wir ein Werk der
letzten vorgratianischen Kanonistengeneration vor uns.
Formal kündigt sich in den Sammlungen dieser Zeit gegenüber
Sammlungen wie der
Burchards von Worms ein feineres Gliederungsprinzip an. Abgesehen von
der
relativ kurzen Summa decretorum Haimonis und der Collectio
Caesaraugustana haben alle Sammlungen, mit denen wir uns noch
befassen
werden – neben dem Polycarpus und der Sammlung in drei
Büchern des Vat.
3831 die Sammlung in sieben Büchern des Vat. lat. 1346 und die in
Thérouanne entstandene
Sammlung in zehn Teilen – die relativ grobe Gliederung des
Stoffes weiter
unterteilt. Alle Bücher bzw. Teile der jeweiligen Sammlungen sind
ihrerseits in
Titel aufgegliedert, und diese Titel bilden die sachliche Klammer
für die
einzelnen Kapitel. Das Gliederungsprinzip des zweiten Teils von
Gratians Concordia
discordantium canonum kündigt sich an: Gratian teilt den
Stoff in Causae ein, zu denen er Quaestiones aufwirft.
Diese
Quaestiones versucht
mit dem alten Recht entnommenen Kanones und durch eigene
erläuternde Dicta zu
lösen.
Schon Aug. Theiner wußte von einem engen
Zusammenhang zwischen dem Polycarpus und der Sammlung Anselms
von Lucca.
P. Fournier stellte
fest, daß die
Sammlung des Bischofs von Lucca eine der wichtigsten Quellen des
Kardinals und
früheren Luccheser Archidiakons gewesen sei.
U. Horst vermutet,
Gregor habe
jedenfalls für einen großen Teil der von ihm herangezogenen
Texte, die er mit
der Sammlung Anselms gemeinsam hat, nicht die Sammlung des Bischofs von
Lucca
selbst, sondern eine verlorene Zwischensammlung des Typs benutzt, wie
sie uns
in der gregorianischen Kanonistik schon öfters begegnet ist.
Die Frage ist nur durch einen
Textvergleich zu entscheiden. Die CA sind an insgesamt 9 Stellen im
Polycarpus zitiert:
|
Polycarpus
|
CA
|
Polycarpus
|
CA
|
|
1,29,10
|
37a
|
5,1,32
|
3-28
|
|
2,24,9
|
11
|
5,1,39
|
29-43a, 45-20bis
|
|
3,20,13
|
6bis
|
5,5,17
|
49
|
|
4,42,2
|
20bis
|
5,5,18
|
1bis
|
|
4,42,8
|
43b-44a
|
|
|
Nach U. Horst hat der Polycarpus
für
drei dieser Kapitel das Dekret Burchards herangezogen:
|
Polycarpus
|
Burchard
|
CA
|
|
3,20,13
|
3,199
|
6bis
|
|
5,5,17
|
16,6
|
1bis
|
|
5,5,18
|
16,14
|
49
|
Ein Kapitel stammt laut Horst
aus der
Sammlung in zwei Büchern des Vat. lat. 3832, die ihrerseits auf
die
74-Titel-Sammlung zurückgeht.
Zwei Kapitel seien entweder der Sammlung Anselms von Lucca oder einer
Zwischensammlung entnommen: 5,1,32 = Anselm 3,88
und 5,l,39 = Anselm 3,89.
Für drei Kapitel macht Horst über die unmittelbare Vorlage
des Polycarpus keine
Angaben: 1,29,10=CA 37a;
2,24,9 = CA 11; 4,42,8
= CA 43b-44a.
Horsts Ergebnissen ist
im
wesentlichen zuzustimmen. Es bleibt zu klären, ob Kardinal Gregor
für 5,1,32
und 5,1,39 die Sammlung Anselms oder eine Zwischensammlung zugrunde
gelegt hat,
die auch der Bischof von Lucca benutzt hat. Für eine
Zwischensammlung als gemeinsame
Vorlage könnte sprechen, daß Gregor in seiner Funktion als
Luccheser
Archidiakon (bis 1109/1111)
dieselbe Bibliothek offenstand, die auch Anselm mindestens zeitweise
genutzt
haben wird: die Dombibliothek von Lucca.
Die Bestimmung der Vorlage des Polycarpus ist nur durch
Einbeziehung der
mit dem Polycarpus eng zusammenhängenden
Sammlung in drei Büchern
möglich, von der wir weder
den Verfasser
noch den genauen Entstehungsort kennen.
Diese Sammlung macht von allen untersuchten Sammlung den stärksten
Gebrauch von
den CA. Abgesehen von vier Einzelzitaten
werden die CA fast vollständig
in zwei umfangreichen Reihen aufgenommen: 2,32,2-40 = CA 29-20bis
und 2,32,71-103 = CA 1-28.
Über den Zusammenhang zwischen Anselm, Polycarpus und der
Sammlung in
drei Büchern stehen zwei Thesen zur Diskussion: U. Horst nimmt an, Anselm und der
Polycarpus gingen auf eine
gemeinsame Vorlage zurück, schließt aber die unmittelbare
Übernahme von Texten
aus Anselm in den Polycarpus nicht aus.
Mit der Sammlung in drei Büchern hat sich Horst nicht
beschäftigt. P. Fournier glaubte
an eine einfachere
Überlieferungslage: Der Polycarpus habe aus der Sammlung
Anselms
geschöpft,
und die
Sammlung in drei Büchern gehe auf den Polycarpus zurück.
Mit Fourniers These ist
es schwer
zu vereinbaren, daß CA 1 im Polycarpus fehlt, aber bei
Anselm und in der
Sammlung in drei Büchern vorhanden ist. Aus weiteren Beobachtungen
ergeben sich
aber auch Schwierigkeiten für Horsts These:
Einerseits stimmen nämlich gelegentlich die CA der Klasse K (also
die Vorlage
Anselms, künftig CAK), Anselm und die Sammlung in drei
Büchern gegen
den Polycarpus überein,
andererseits kommen auch Übereinstimmungen von CAK,
Polycarpus und
der Sammlung in drei Büchern gegen Anselm vor.
An einigen Stellen stimmen auch CAK und die Sammlung in drei
Büchern
gegen Anselm und den Polycarpus überein.
An keiner Stelle dagegen gibt es Übereinstimmungen von CAK
und Polycarpus gegen Anselm und die Sammlung in drei
Büchern.
Daraus ergibt sich, daß die
Sammlung in drei Büchern jedenfalls nicht unmittelbar aus der
Sammlung Anselms
abgeleitet ist. Da die Sammlung in drei Büchern gelegentlich mit
dem Polycarpus
gegen CAK und Anselm übereinstimmt, muß eine
engere Verbindung
zwischen den beiden erstgenannten Sammlungen bestehen. Allerdings kann
die
Sammlung in drei Büchen kaum unmittelbar aus dem Polycarpus abgeleitet
sein, da sie öfters gemeinsame Lesarten mit CAK oder
mit CAK
und der Sammlung Anselms gegen den Polycarpus hat. Da sich
umgekehrt
auch die Sammlung in drei Büchern an manchen Stellen weiter von CAK
entfernt als der Polycarpus, bleibt für das
Verhältnis dieser beiden
Sammlungen zueinander nur eine Möglichkeit übrig: Beide
Sammlungen stammen aus
einer gemeinsamen Vorlage. Da der Polycarpus und die Sammlung
in drei
Büchern an manchen Stellen mit CAK gegen Anselm von
Lucca
übereinstimmen, kann diese gemeinsame Quelle weder die Sammlung
Anselms noch
eine daraus abgeleitete Sammlung sein. Andererseits zeigt jedoch schon
die
Aufteilung der CA in zwei Kapitelreihen (c. 1-28 und c. 29-20 ),
daß Anselm,
der Polycarpus und die Sammlung in drei Büchern eng
miteinander
zusammenhängen. Dieser Zusammenhang läßt sich nach dem
überlieferungsgeschichtlichen Befund nur folgendermaßen
erklären: Anselm von
Lucca hat auf eine uns nicht erhaltene Zwischensammlung
zurückgegriffen, die
ihrerseits aus der Cluny-Version geschöpft hat.
Diese Zwischensammlung war dann Quelle für die ebenfalls nicht
erhaltene
Vorlage der Sammlung in drei Büchern und des Polycarpus. Graphisch
dargestellt:

X ist entweder eine der
Zwischensammlungen
der gregorianischen Kanonistik oder von Anselm selbst vorbereitetes
Material
für seine Kanonessammlung, und Y ist eine weitere Zwischensammlung.
Es bleibt zu klären, woher
Gregor die
Texte 1,29,10 = CA 37a; 2,24,9 = CA 11 und 4,42,8 = CA 43b-44a
bezogen
hat. In 2,24,9 findet sich nur eine signifikante Lesart: Der Polycarpus
schreibt
mit den Handschriften der Klasse K und den Handschriften Mü, Tr,
Sa, Pa2 metropolitanus (Z. 88). Die anderen CA-Handschriften
haben metropolitanus
episcopus. Die
beiden anderen Kapitel enthalten keine signifikanten Lesarten, sind
jedoch
näher inskribiert: Adrianus papa Engilkanno Mediomatrice urbis
episcopo (so
1,29,10) bzw. Adrianus papa Engilkanno episcopo (so 4,42,8).
Die
Namensform Engilkannus begegnet nur in Handschriften der
Klasse K. Es
ist anzunehmen, daß alle drei Kapitel letztlich auf eine
Handschrift dieser
Klasse zurückgehen. Da die Cluny-Version auch X (und damit mittelbar Y)
zugrundeliegt,
hindert nichts an der Annahme, Gregor habe auch diese drei Kapitel
einer dieser
Zwischensammlungen entnommen.
Die
Sammlung in drei Büchern zitiert außerhalb der
großen CA-Reihen (2,32,2-40 und 2,32,71-103) die CA an vier
weiteren Stellen:
1,8,4=CA 37a; 1,16,2=CA20bis; 2,34,55=CA 6bis;
3,15,3=CA
8bis. Die Quelle von 1,8,4 läßt sich ebenso wenig
ermitteln wie die
von 3,15,3. Die beiden übrigen Texte dürften mit dem
Polycarpus zusammenhängen:
1,16,2=Polycarpus 4,42,2= (2L 2,213 = 74tit. c.307) = CA 20bis
und 2,34,55 = Polycarpus 3,20,13 = (Burchard 3,199) =
CA 6bis.
Vgl.
etwa Z. @@@.: CAK Anselm und 3L: tempore in canonibus
praefixo
Nicenis concilium canonice convocare debebunt – Polycarpus: tempore
in
canonibus praefixo Niceni concilii convocare debebunt; Z. @@@: CAK
Anselm und 3L: eiusdem – Polycarpus: eius; Z.
@@@: CAK,
Anselm und 3L: pristino – Polycarpus: primo; Z.
@@@: CAK,
Anselm und 3L.: obstruere - Polycarpus: constituere; Z.
@@@: CAK,
Anselm und 3L: induciae dentur – Polycarpus: inducias
habeat.
Vgl.
etwa Z. @@@: CAK, Polycarpus und 3L: saecula –
Anselm: ecclesia;
Z. 84: CAK, Polycarpus und 3L: recipi –
Anselm: recipere;
Z. @@@: CAK, und 3L: quemcumque, Polycarpus: quaecumque
– Anselm: quemcumque vera; Z. @@@: CAK,
Polycarpus und
3L: reservavit – Anselm: reservaret.
Vor
allem zitiert 3L in der Rubrik zu 2,32,71 fast vollständig die
CA-Rubrik, die
sich bei Anselm und im Polycarpus nicht findet. Ferner Z. @@@: CAK
und 3L: conventus – Anselm und Polycarpus: convictus;
Z. @@@: CAK
und 3L: iudicari – Anselm und Polycarpus: diiudicari;
Z. @@@: CAK,
und 3L: in publico – Anselm und Polycarpus: publico.
In
Frage käme als Zwischensammlung auch von Anselm selbst angelegtes
vorbereitendes Material, das sich zu der Zeit, als Gregorius
Archidiakon in
Lucca war, noch in der Dombibliothek befunden haben könnte.
© 2005 Karl-Georg
Schon
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Zuletzt geändert am
6.7.2005
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